Begangenes


Wenn Wege doch nur erzählen könnten …; wenn sie in der Lage wären wiederzugeben, was auf ihnen passiert; wenn es ihnen möglich wäre zu unterscheiden, wer sie verursacht hat, die Tritte auf ihnen, über ihnen, in sie hinein; wenn sie die Ziele der Gehenden kennen würden, ihnen die Gründe des Laufens, derjenigen, die über sie hinwegschreiten, bekannt wären; wenn sie analytisch trennen könnten zwischen hoffnungsvollen Schritten, zögerlichen, ängstlichen, überhasteten; wenn sie in der Lage wären – anhand der Intensität desjenigen, dem die Füße gehören, seines Auftritts, die Ergebnisse seines Schreitens, seines Wandelns, seines Hastens, seines Schleichens zu erlauschen; wenn es ihnen vergönnt wäre, zu wissen, welcher der gerade auf ihnen dahinschreitenden Personen die Füße zuzuordnen sind, dann, ja dann, gäbe es wohl nur ein Résumé aus all diesen Fragen: Welch großartige Geschichten könnten Wege erzählen!

Was an meinem Rechtsempfinden stimmt denn nun nicht?


Da kommt eine Schriftstellerin daher und veröffentlicht ein Buch. Am Ende all der Seiten dankt sie denen, die ihr beim Schreiben geholfen haben. Sie dankt aber nicht denen, deren Texte sie abgeschrieben hat. Sie verweist auch nirgends darauf, dass sie überhaupt irgendwen zitiert hat. Sie verkauft also den Lesern ein Buch und stellt sich dar, als wäre das darin enthaltene Wissen um die Zusammenhänge von Klimawandel, Erderwärmung, auch von humanitären Katastrophen und Massenmigration ihr eigenes Wissen. Ist es aber nicht. Es wird den Lesern vorgegaukelt, dass die Autorin jemand ist, die die Komplexität der gesellschaftlichen Zusammenhänge in ihrem Denken und Handeln verinnerlicht hat. Basierend darauf, möchte sie, die Schriftstellerin, Politik für 82 Millionen Menschen machen und wirbt um Vertrauen. Die Schriftstellerin erzielt Gewinn mit den gestohlenen Gedanken anderer Menschen, die sie abgeschrieben und eingedruckt hat. Das Buch kostet im Handel 24 Euro. Das Buch über die Abenteuer des Pinocchio bekommt man schon ab 0,99 Euro.

02.07.2021

Nachts – 21. 03.2021

Der Tag heute startete ganz unbeschwert. Nichts von dem, was gestern war, trug ich in mir. Breites Wohlfühlen bis um acht. Dann kam die Nacht zurück, es kamen die Nachtgedanken noch einmal vorbei. Eine Kirche musste es sein, im Traum, eine Kirche, dessen Turm ich zu bezwingen hatte.
Der Aufstieg.
Lang war er, anstrengend, Luft abschnürend. Immer schmaler wurde der Gang, ich kam kaum noch hindurch, durch die Wände, die sich, so glaubte ich, gegeneinander schoben. Und tapfer kämpfte ich mich aufwärts bis dass ich, angekommen, ganz oben, kurz vor den Himmel ausatmete. Da stand ich nun, weit weg von der Welt der Alltäglichkeiten. Ich sah und hörte neues und war in mir. Bei mir. So weit der Blick, so groß die Augen, so still, endlich, alles um mich herum. Und die Kirche mitsamt dem Turm drehte sich. Oder ich mich? Ein Sonnenuntergang tauchte auf und verschwand, ein Morgen kam und ging. Viele von den beiden kamen und schlichen wieder von dannen. Unfassbare Zeit. Und ich lehnte oben an den Steinen des Turms und sah und sah und sah, hielt Zwiegespräche mit Tauben und lauschte den Stimmen des Windes. Dann rief es nach mir. Aus mir heraus zerrte ein Irgendwas an meiner Seele, zwang mich das Oben zu verlassen, peitschte mich, kam mir zu nahe, befahl, schlug, hetzte mich. Und so schlich ich gewürgt, geknebelt, sprachlos den Wänden hinab, taumelte durch Gänge, die schmaler wurden, die mir die Luft abschnürten. Die Backsteine, an denen ich entlang schabte, hatten Gesichter, auch Münder. Sie bissen zu. Ich war machtlos. Stück für Stück nahm mich das Gebäude auf; Fetzen für Fetzen riss mich das Gemäuer auseinander bis ich nicht mehr war. Schwebend, farblos fiel ich unten als Schleier zurück in die Welt, stellte fest, dass nichts mehr war; keine Heimat mehr, nichts, das mich mit irgendwem verband. Und so legte ich mich in den Morgen, deren Sonne mich entdeckte, die dann den Wind rief, um mich mit zunehmen. Und so geschah es. Einmal noch erwärmte mich diese Zuwendung, dann wurde die Welt klein und kleiner. Die Zeit hatte aufgehört Zeit zu sein.

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04.03.2021

irgendwann kommt dann diese andere zeit, die, in der alles wieder gut ist, die zeit, in der wünsche wahr werden, träume zur realität finden und pflastersteine aus purem glück sind. doch noch ist es dunkel, so sehr dunkel. die seelen vernarben, gedanken werden zu staub, verfliegen im allerlei. mein name ist unglück, meine sinne sind unruhige geister, meine worte sind echo, mein leben ein schwarzwasser im nimmerland.

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Von der Poesie

Das Besinnen auf das, was uns verbindet, die Kommunikation nämlich, die Sprache also, ist der erste Schritt hin zu einer erweiterten zwischenmenschlichen verbalen Interaktion. Natürlich nur dann, wenn diese erweiterte zwischenmenschliche Interaktion eine andere, von der alltäglichen Sprache abweichende Qualität zu verzeichnen hat. Eine höhere, versteht sich.

Heutzutage ist es so, dass uns gut gebaute Sätze, ob gesprochen oder in schriftlicher Form, überraschen. Wir alle sind durch die Reizüberflutung, die von der Werbung gesteuert wird, und uns in jeder Minute unseres Alltags begegnet, beeinflusst. Botschaften dieser Art, die kurz sind und stets ein Produkt menschlichen Handelns verkaufen wollen, haben selten eine Art Poesie. Poesie leuchtet immer dann, wenn Alltägliches durch künstlerischen Eingriff neue Farben bekommt. [und es schluchzen die Sehnsuchtsworte, die an einer Tränenliane gen Grauhimmel emporrankeln, um in der Weite des Universums ein süßsonniges Bett zu finden]
Dem zitierten Beispiel liegt eine hoffnungslose Ausgangslage zugrunde, deren Ausweg scheinbar nur noch ein Aufschwingen in die Weite des Universums ist, weil dort Helligkeit, Hoffnung und Problemfreiheit erwartet werden.
Das Zitat aber kann auch ganz anders formuliert werden, so nämlich: [heulen könnt‘ ich, am liebsten würd‘ ich hier abhau’n]. Das aber wäre die Poesie derjenigen, denen das Malen von Bildern mit Worten nie nahegebracht wurde.

Wahrscheinlich meint jetzt der eine oder andere, dass doch aber im zweiten Zitat die Dinge auch auf den Punkt gebracht wurden und warum denn so viel Gezeter um ein bisschen Ärger im Leben gemacht werden muss. Muss man nicht machen, sei dem gesagt, der die Dinge gedanklich so angeht, muss man gar nicht machen. Selbstverständlich kann jeder die Konstellationen in seinem Leben so formulieren, wie ihm oder ihr der Schnabel gewachsen ist. Aber eines sei gesagt: Das Gewand der Worte und Sätze, das Einkleiden von Gedanken und Erinnerungen in Sprache, kann allergrößtes Vergnügen bereiten. Es besänftigt das Gemüt und hilft in schwierigen Situationen einer zu bewältigenden Erschwernis den Wert zuzueignen, den sie wirklich verdient.

Und dann, mit Distanz, werden sogenannte Probleme oft zu Stufen einer Treppe, die zu sich selbst führt. Findet es heraus, traut euch, habt Mut. Ich verspreche viele Glücksgefühle beim Ernten der Aufmerksamkeit eurer Mitmenschen und bei den Gesprächen, die eure Poesie ausgelöst haben.


 

Zustand

Eben hörte ich, dass die Pandemie erst am Anfang steht. Wieder mal. Wegen der Mutanten, aber nicht die, die aus dem Marvel-Universum stammen. Der Wettlauf der Impfer gegen die Veränderungen des Virus haben sie längst verloren. Während durch Deutschland bald die ersten  Normalitätswellen plätschern sollen, ist für das, was ich mache – mobile Unterhaltungskunst nämlich –, noch keine Hoffnung in Sicht.

Heute hab ich wieder eine Theaterkasse gesehen, die verschwunden ist. Zu vermieten stand im Fenster. An wen denn? Eine dunkle Glasscheibe mit Resten von Tesafilm überall, das blieb. Wird wohl demnächst irgendein systemrelevanter Versorgungsschuppen dort aufmachen, Rossmann oder EDEKA. Theaterkassen haben nichts mehr zu verkaufen. Mich nicht mehr und vieles andere auch nicht: keine Kunst, kein Lachen, keine Musik, kein Theater und so weiter. Alles tot. Pizza fahren die jetzt aus, die Künstler, stapeln Regale wieder voll, frisieren Fußballer oder fahren für Amazon den Kram aus, den die Lockdowner sich online bestellt haben. Die Kunst schläft, liegt im Koma, ist im Urlaub, ist verboten oder gestorben. Irgendwas. Jedenfalls ist sie nicht mehr handelbar. Mir geht seit Tagen durch den Kopf, ob ich vielleicht doch den falschen Beruf ausübe. Üben? Üben sowieso nicht! Ich bin in dem, was ich mache, spitze! Ich bin keiner, der sich neuerdings per Internet produzieren will. Das ist unmenschlich, meiner Meinung nach, also das Herumhüpfen vor Kameras, damit sich irgendwer zuhause vor dem Bildschirm mit Pommes und Cola eine Wampe anfrisst, während sich ein anderer zum Huhn macht und auf eine Onlinekarriere hofft.

Sich in den Medien umzuschauen, macht schlechte Laune. Mir. Außerdem kann ich all dem, was da an Maßnahmen geplant wird, welche Reproduktionszahlen die aktuellen sind, wo in welchem Land soeben Ausgangssperren angeordnet werden, nicht mehr folgen. Will ich auch nicht, weil mir das Theater auf den Wecker geht. Ich kann es nicht mehr hören und ich kann es nicht mehr sehen. Ich will nicht mehr von einem, wahrscheinlich vorzeitig aus der Haft entlassenen Schreihals, der jetzt als Security-Typ breitbeinig vor den Supermärkten den Nazi raushängen lässt, mit Muskeln, wohin man schaut und Tattoos auf jedem Quadratzentimeter seiner Haut, angebrüllt und mit Desinfektionssäure besprüht werden.

Ich kann die Politiker nicht mehr sehen und hören, auch die Kommentatorinnen und Kommentatoren in den TV-Shows nicht. Ich bin es leid, dass mir wie einem Komplettidioten verwässernd erklärt wird, warum nicht ausreichend Impfstoff vorhanden ist; ich hab die Nase voll davon, dass sich einer hinstellt und sich entschuldigt, dass die Soforthilfen nicht angekommen sind. Wenn Altmaier nur einen einzigen Monat so leben müsste, wie wir es gerade tun, wäre von ihm nur noch die Hälfte übrig und schlank wäre er immer noch nicht, das aber nur nebenbei.
Ich kann das alles nicht mehr aushalten. Ich dachte immer, dass die Typen, die uns regieren, wissen, was in diesem Land los ist. Falsch gedacht. Sie wissen es nicht oder es ist ihnen egal.

Wieder steht uns allen eine Verlängerung des Lockdowns bevor. Das ist das einzige Mittel, von dem die Befehlsgeber glauben, dass es zur Lösung der immensen Probleme, die wir haben nötig ist. Wieder kein Konzept für das, was dem allen folgen wird. Wir werden von Mutanten ins Elend getrieben. Viele von uns sind dort längst angekommen. Bald wird es Mutanten aus Mahlsdorf, aus Dresden-Süd oder aus Bonn-Bad Godesberg geben. Und sie werden wieder die Frisöre schließen, die Kneipen auch und die Veranstaltungsstätten sowieso. Gestern hörte ich den schwarzen Witz, dass die Mutationen des Corona-Virus von Jeff Bezos erfunden wurden. HaHa! Ich konnte nicht lachen, überhaupt nicht, so wie das ganze Volk nicht mehr lacht. Aber das sieht man ja nicht, deswegen werden wohl die Masken auch zur Pflicht gemacht worden sein. Gut ist, dass die Merkel-Mundwinkel bei 90 Prozent der Deutschen hinter ihren Visieren nicht zu sehen sind. Kürzlich sah ich einen Bericht über die Arbeit eines Technikverleihers. Der Chef erzählte, dass er bereits fünf Leute kennt, die sich wegen der Auswirkungen von Corona das Leben genommen haben. Auch ich bin schon ein bisschen tot, weil mich die Pandemie abhängig gemacht hat, abhängig vom Staat. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass die Regierung gerade ihre Macht genießt. Das Volk buckelt, wir werden wie eine Herde Schafe ziellos von Epidemiologen durchs Land getrieben. Niemand weiß wohin. Und wir alle sind gelähmt,  marschieren mit und müssen uns verkleiden.

Ich will die bescheuerten Masken, die inzwischen überall auf den Straßen rumliegen, nicht mehr sehen. Mindestens drei Viertel davon taten ohnehin nicht ausreichend das, was sie tun sollten, weil Tante Hertha sie aus alten Deutschlandfahnen oder ähnlichem genäht hat. Ich kann sie nicht mehr sehen, geschweige denn selbst vor der Nase baumeln haben.

Vieles geht zurzeit nicht, das weiß ich ja, dennoch hab ich Sehnsüchte, die Gedanken daran brechen mir fast das Herz. Ich will meinen Job wieder machen. Ich will Menschen berühren, will ihren Mund sehen, wenn sie reden, will Lachen sehen. Weil ich die Menschen nämlich glücklich mache, wisst ihr, glücklich! Und ich will mich über Rock ’n roll unterhalten, über schöne Frauen oder Männer, will mich in Ruhe besaufen, in Ausstellungen gehen oder Arm in Arm mit einem guten Freund oder Freundin durch die Kneipen tingeln. Ich will bei Giovanni in der Pizzeria Lieder singen, essen, trinken, feiern. Ich will mich unterhalten, Straßenmusik hören, mich irgendwo frisieren lassen; ohne schlechtes Gewissen mal wieder Werbung rausschicken, um Bescheid zu sagen, dass ich der Gute bin, dass ich der bin, der die Normalität überbringt, der allen sagen will, dass die Welt eine schöne, eine einzigartige ist! Ich will die Kollegen sehen, will Freiheit, Freiheit, FREIHEIT!; weil ich nämlich die Schnauze voll habe. Man, ich könnte gerade heulen …

Niemals zuvor fühlte ich mich so unfrei wie jetzt. Und ich bin aus dem Osten, hinter Mauern aufgewachsen, war auch eingesperrt, so wie es jetzt fast alle Menschen in der zivilisierten Welt sind, das muss man sich mal vorstellen! Ich will endlich Leute an der Regierung, die nicht taktieren und verschweigen; die ein Zukunftskonzept für die Menschen wenigstens andenken und nicht nur auf Zahlen reagieren.

Die Kontrolle über das Virus haben wir dank der Globalisierung längst verloren. Wir werden sie auch nicht dauerhaft wiedererlangen, solange jedes Land auf der Welt seine eigenen Wege geht. Und ihr wisst das auch, ihr Oberen! Gebt das doch zu! Dann sagt es doch mal laut und deutlich! Es weiß sowieso jeder. Hört auf damit uns zuzuschwafeln. Wir sind nicht doof, überhaupt nicht! Und tut nicht so, als würden euch die Insassen der Altenheime irgendwas bedeuten. Wäre das so, dann hättet ihr im Sommer 2020 längst Maßnahmen ergreifen können, um die älteren Leute zu beschützen. Und die Impfstoffversorgung für Europa habt ihr auch versaut. Vielleicht ist das nicht komplett eure Schuld, aber es ist eure Bilanz und darüber werden wir noch reden. Wir alle werden unsere Rechnung für all das zahlen, was hier in den vergangenen zwölf Monaten passiert ist und wenn ich schreibe alle, dann meine ich auch alle, ausnahmslos.

Ich will das alles nicht mehr. Und bevor die Schreihälse jetzt wieder tröten, dass das ja keiner mehr will, und ich soll mal nicht so an der Uhr drehen, dann sag ich denen, dass mir das scheißegal ist, weil wir, wir Künstler all denen da oben und ja sogar unserem Publikum ebenfalls scheißegal sind. Oder hat irgendwer eine Demonstration gesehen, bei der das Publikum seine Künstler wieder haben will? Ich nicht. Aber ich hätte mir das gewünscht, ich hätte das gewollt. Aber ich will ja Vieles, ganz besonders Theaterkassen.

Tom

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Seit dem 27. Dezember 2020 wird in Deutschland gegen Corona geimpft. Inzwischen, innerhalb eines Monats, ist es gelungen, zwei Prozent der Deutschen zu impfen. Die genaue Zahl, laut ZDF vom 25. Januar 2021 ist 1.632.777, in Worten: Einemillionsechshundertzweiunddreißigtausendsiebenhundertsiebenundsiebzig, (das sind 1,99% der Bevölkerung). Es fehlen also noch 98 Prozent, dann ist Deutschland durchgeimpft. Wenn wir in einem Monat zwei Prozent schaffen, dann brauchen wir insgesamt 4,18 Jahre, um Deutschland durchgeimpft zu haben. Vier Jahre und zwei Monate. Und dann dürfen wir die Mutanten nicht vergessen, ein Mittel gegen die Art der Überträger, Lockdown mal ausgenommen, ist noch nicht gefunden.




Am Morgen
malte ich mir meine Welt
mit einem kleinen Finger in die Luft.
Gen Mittag galt es Kräftemessen,
um hin zum Abend dann den ersten Schritt zu wagen.
So ging ich fort, um Nord und Süd mir anzuseh’n,
den Osten zu versteh’n und auch den Westen zu erstürmen.
Auf Schusters Rappen reiste ich,
auf Flügeln, die der Schwerkraft trotzten,
auf Schiffen, denen Sturm und Wind gar so egal,
wie mir die Gestern sind;
ich wanderte und schlief,
marschierte und ich rief nach Neuem.
Allerorts.

Doch nun ist’s Nacht, zig Wanderschuhe später.
Das Reisen wird mich nimmermehr verführen.
Die Spuren, die ich hinterließ, sind als Gezeitenmahlzeit längst ein Teil von den Quadranten.
Und auch der Staub, den ich zum wirbeln brachte,
hat lautlos sich zur Neugier hingelegt;
sie schaukelt farblos in den Wanten.

Was bleibt?
Was kommen wird?
Ich weiß es nicht. 
Ich weiß nur dies:
Kinderschuhe stampfen Lachen in den alten Staub.

Vom Anfang eines neuen Lebens

Ganz früh war der Himmel rot. Die Sonne begehrte auf. Irgendwo tat sie das, irgendwo im Osten.
Ich stoppte. Stieg aus dem Auto. Sah das Spektakel. Rotes Flutlicht. Blutsonne schon am Morgen.
Warm war es nicht gewesen. Aber kalt. Meinem Gesicht wurde warm. Der Horizont hangelte sich in meine Augen. Ich aß Rotlicht, wusste, dass SIE gleich kommen würde, ja, dass SIE kommen würde, aufgehen.
Ich stand.
Wartete.
Ich regte mich nicht.
Der Wind blies ein wenig, obwohl niemand Kühlung brauchte.
Die Erde war still, zitterte nicht.
Dennoch wankte ich bald. Hoffnungstaumel. Hinter mir, ich ahnte es, lag die Zukunft. Dahin würde SIE bald wandern, bald, wenn SIE auftauchen würde.
Es war gegen acht, als SIE mich endlich blendete.
Es war gegen acht, als SIE mir meine Augen schloss. Es war gegen acht, als ich alles loslassen wollte. Und es war gegen acht, als ich nichts unternahm. Die Zukunft wartete hinter mir.
Wenigstens drehte ich mich um.

 


Vom Nachfahren der Handlinien

Es war ein Feuer, vor dem ich saß. Ein großes Feuer. Die Flammen loderten bis in den Himmel. Niemand wusste, was da brannte. Es war heiß. Und knisterte. Und knackte. Da saß ich nun. Und ich dachte. Ich dachte an alles. So eine komische Denkzeit. Wenn jemand gefragt hätte, woran ich gerade denke, hätte ich nichts geantwortet. Ich hätte weiter ins Feuer gestarrt. Meine Gedanken waren grau. Ich dachte in schwarz-weiß.

Ich besitze einen Bildband von Tintoretto. Es ist ein
schwarz-weiß gedrucktes Buch. Keine Farben, nur in Gedanken. Man sieht das Wesentliche, man ist anders fokussiert. Keine Ablenkung durch Kolorationen.
Da war ein Haus am See, auf einem Gemälde, da, bei Tintoretto. Jemand kam aus der Tür, war gerade hindurch. Gehrichtung – Wasser. Im Gestade bückte sich ein nackter Mensch. Sein Körper gekrümmt, als würde er beschäftigt sein. Ob es ein Morgen- oder Abendgemälde war, gab der Abdruck nicht her. Den Himmel hatte ein Licht an einer Stelle aufgerissen. Eine drohende Portion Helligkeit machte aus dem Schwarz ringsherum ein Grau. Hoffnung weit und breit nicht zu sehen. Ein Tintoretto-Bild. Später erfuhr ich, dass das Gemälde nur einen Ausschnitt zeigte. »Die Flucht aus Ägypten« hatte der Künstler die Malerei genannt. Ja, Flucht. In Farbe.
Und so sah ich mich, wie ich dort am Feuer sinnierte. Ich sah, wie ich über Bildausschnitte nachdachte und über Fortgang und über schwarz-weiß. Das Feuer vor mir loderte. Es flüsterte. Keine Sprache, nur ein Flüstern. Und in Gedanken ließ ich alles Fesselnde los; Türen öffneten sich, Stahltore wurden aufgeschoben, Betondecken entfernt und Ketten zerschlagen. Die Wege, die ich dann beschritt, waren wie Nagelbretter. Ein jeder Nagel eine Begebenheit. Und ich ging durch alle schwarz-weiß- Gedanken mit bald blutenden Füßen hindurch, während das Feuer einen Kreis bildete und raunte. Ich mochte nicht mehr sein, wer ich bin, wollte nicht mehr dort sein, wo ich war. Und ging. Alles ließ ich los. Alles ließ mich los. Der wärmende Kreis schloss sich hinter mir.
Später kam die Nachhut, das Feuer hatte sich längst in die Erde verkrochen. Man sagte, dass es doch verwundernd sei, wie aus einem großen Bunten das schwarz-weiß der Asche wird. Ein Glöckchen läutete in der Ferne. Dann kam ein Sturm, er nahm und verteilte.

©Tom Walter 2021



Blitzlicht

Manchmal, in Momenten, die nur mir gehören; wenn die Welt außenvorbleibt, Geräusche nicht mehr wahrnehmbar sind und der Körper mitsamt seinen Organen bescheiden zuverlässig agiert, zupfe ich Erinnerungen aus meiner Zeit von einst. Es ist wie bei einem Stelldichein mit einer Pusteblume, die prall aufgeblüht in meiner Faust steckt und auf einen Sturm wartet, der ihre Kinder in den Weiten der Welt verteilt. Mit spitzen Fingern zupfe ich die winzigen Regenschirme aus der Gedankenblüte, lass mir von ihnen eine Geschichte erzählen, schnipse die kleinen Flieger anschließend ins Universum, wünsche ihnen eine gute Reise und eine schöne neue Heimat ebenfalls.

Die Fähigkeit sich zu erinnern, ist Fluch und ist auch Segen. Wir sind ja nicht nur agierende Menschen, deren Muskelkraft die Welt verändert. Wir sind auch denkende Wesen, sind Analytiker, Verdränger, Liebhaber. Letzteres in jeglicher Hinsicht. Zuzulassen, dass wir geflutet werden können von genau den Erinnerungen, die einem gerade in die Lebenssituation passen, ist auch eine Fähigkeit. Obwohl … Womöglich ist es ja auch das Geschick in uns allen, die nicht erinnerungswürdigen Momente des irdischen Daseins auszublenden? Beides führt zu demselben Ergebnis: Wir frischen unser Denken auf, mit irgendwas, mit Verdrängtem oder mit außerordentlich Erinnerungswürdigem. Und darum geht’s.

Wenn wir es nicht mehr hinkriegen, unseren Gedanken freien Lauf zu lassen; wenn wir unsere gelebte Zeit nicht mehr farbig gestalten können; wenn wir ihnen, den Gedanken, den Humor, die Trauer, die Verwunderung, die Neugierde nicht mehr entreißen und unserem Herzen zum Fühlen und Verarbeiten als Köstlichkeit überreichen können, dann haben wir das Auf-der-Welt-sein wohl nicht mehr verdient.

Doch es gibt Einschränkungen. Nicht alle Tage sind Gedankentage. Manche von denen sind wie Sauerkraut zum Frühstück. Erinnerungen speichert der Mensch offenbar besser, wenn die Begebenheit, die erlebte Lebenssituation ein paar Seitenfächer im Köpfchen oder Herzchen aufgemacht hat. Oder sogar Einfluss auf die Zukunft hatte. Oder von einer bis dato unerlebten Gefühlswelt handelte, die einiges im Inneren durcheinanderbrachte, womöglich sogar neu ordnete.

Oder?


Fließend

Zwischen Leben und Tod fließt ein Fluss. Er verbindet beides. Manchmal ist er reißend, manchmal sanft, manchmal überflutend und manchmal fast ausgetrocknet. Aber immer ist der da, immer ist er in Bewegung. Die Zeit ist seine Geliebte, Stillstand die große Unbekannte. Am Quell der Zeit entspringt er und am Ende der Zeit versiegt er still und stumm in der Ewigkeit; aus ihr quillt es erneut hervor, neue Flüsse mäandern durch Äon. Allem liegt die Vergänglichkeit zugrunde. Das zu erkennen, sollte Zeitvertreib beim Flößen sein.


Geräusche

Einmal sah ich mich selbst, aus der Ferne sah ich mich, wie sie mich aus dem Haus karrten, mit den Beinen zuerst. Ich schaukelte auf vier klapprigen Rädern (Bahre) hin zur schwarzen Luxuslimousine. Und die Sonne heizte ein, nebenan mähte einer Rasen, während der Mülltonnenentleerer um die Ecke bog und aus seinem LKW heraus fluchte, dass ihm die scheiß schwarze Nobelkarre den Weg versperrte. Irgendwo sang ein Kind, irgendwo anders übte einer Saxophon. Am Himmel stritten sich Hubschrauber und Flugzeuge, Bienen summten, das Gras vertrocknete knisternd auf den Wiesen. Und mich schoben die Schlipsheinis mit ihren schwarzen Anzügen und ihren weißen Hemden, mit der schwarzen Feder auf den Kragen, in die Karre. Die Türen schlossen sich leise. Und dann ging sie los. Letzte Fahrt.
Von all den Weltgeräuschen von einst war nichts mehr zu hören, der Benz fuhr stumm, nur die Reifen schabten auf dem Asphalt, Geräusche vom Unterwegssein. Die beiden Typen vorne redeten vom Wochenende und davon, dass Frauen neuerdings immer schwerer wären als Männer, so gewichtsmäßig und so weiter und so fort. Wir kamen an. Irgendwo. An einem Schornsteinhaus. Ich wurde aus dem Auto gezogen. Die Jungs hatten ihre Jackets ausgelassen, hier sah sie ja keiner, ich zählte nicht mehr. Automatiktüren. Dann ein Bändchen an den großen Zeh, ein Zettelchen und ab mit mir in die Kühlzelle, war ja Freitag schließlich. Mehrere Schlösser knarzten, draußen brummte ein Müllauto oder ähnliches vorbei, Türen schlugen zu, ich war allein; kurz noch einmal das Mercedesgeräusch, es entfernte sich, wurde leiser und leiser und leiser. Und dann war es ganz still und so ist es auch geblieben.

tom walter 2020