Von der Poesie

Das Besinnen auf das, was uns verbindet, die Kommunikation nämlich, die Sprache also, ist der erste Schritt hin zu einer erweiterten zwischenmenschlichen verbalen Interaktion. Natürlich nur dann, wenn diese erweiterte zwischenmenschliche Interaktion eine andere, von der alltäglichen Sprache abweichende Qualität zu verzeichnen hat. Eine höhere, versteht sich.


Heutzutage ist es so, dass uns gut gebaute Sätze, ob gesprochen oder in schriftlicher Form, überraschen. Wir alle sind durch die Reizüberflutung, die von der Werbung gesteuert wird, und uns in jeder Minute unseres Alltags begegnet, beeinflusst. Botschaften dieser Art, die kurz sind und stets ein Produkt menschlichen Handelns verkaufen wollen, haben selten eine Art Poesie. Poesie leuchtet immer dann, wenn Alltägliches durch künstlerischen Eingriff neue Farben bekommt. [und es schluchzen die Sehnsuchtsworte, die an einer Tränenliane gen Grauhimmel emporrankeln, um in der Weite des Universums ein süßsonniges Bett zu finden]
Dem zitierten Beispiel liegt eine hoffnungslose Ausgangslage zugrunde, deren Ausweg scheinbar nur noch ein Aufschwingen in die Weite des Universums ist, weil dort Helligkeit, Hoffnung und Problemfreiheit erwartet werden.
Das Zitat aber kann auch ganz anders formuliert werden, so nämlich: [heulen könnt‘ ich, am liebsten würd‘ ich hier abhau’n]. Das aber wäre die Poesie derjenigen, denen das Malen von Bildern mit Worten nie nahegebracht wurde.
Wahrscheinlich meint jetzt der eine oder andere, dass doch aber im zweiten Zitat die Dinge auch auf den Punkt gebracht wurden und warum denn so viel Gezeter um ein bisschen Ärger im Leben gemacht werden muss. Muss man nicht machen, sei dem gesagt, der die Dinge gedanklich so angeht, muss man gar nicht machen. Selbstverständlich kann jeder die Konstellationen in seinem Leben so formulieren, wie ihm oder ihr der Schnabel gewachsen ist. Aber eines sei gesagt: Das Gewand der Worte und Sätze, das Einkleiden von Gedanken und Erinnerungen in Sprache, kann allergrößtes Vergnügen bereiten. Es besänftigt das Gemüt und hilft in schwierigen Situationen einer zu bewältigenden Erschwernis den Wert zuzueignen, den sie wirklich verdient. Und dann, mit Distanz, werden sogenannte Probleme oft zu Stufen einer Treppe, die zu sich selbst führt. Findet es heraus, traut euch, habt Mut. Ich verspreche viele Glücksgefühle beim Ernten der Aufmerksamkeit eurer Mitmenschen und bei den Gesprächen, die eure Poesie ausgelöst haben.


Vom Nachfahren der Handlinien

Es war ein Feuer, vor dem ich saß. Ein großes Feuer. Die Flammen loderten bis in den Himmel. Niemand wusste, was da brannte. Es war heiß. Und knisterte. Und knackte. Da saß ich nun. Und ich dachte. Ich dachte an alles. So eine komische Denkzeit. Wenn jemand gefragt hätte, woran ich gerade denke, hätte ich nichts geantwortet. Ich hätte weiter ins Feuer gestarrt. Meine Gedanken waren grau. Ich dachte in schwarz-weiß.

Ich besitze einen Bildband von Tintoretto. Es ist ein
schwarz-weiß gedrucktes Buch. Keine Farben, nur in Gedanken. Man sieht das Wesentliche, man ist anders fokussiert. Keine Ablenkung durch Kolorationen.
Da war ein Haus am See, auf einem Gemälde, da, bei Tintoretto. Jemand kam aus der Tür, war gerade hindurch. Gehrichtung – Wasser. Im Gestade bückte sich ein nackter Mensch. Sein Körper gekrümmt, als würde er beschäftigt sein. Ob es ein Morgen- oder Abendgemälde war, gab der Abdruck nicht her. Den Himmel hatte ein Licht an einer Stelle aufgerissen. Eine drohende Portion Helligkeit machte aus dem Schwarz ringsherum ein Grau. Hoffnung weit und breit nicht zu sehen. Ein Tintoretto-Bild. Später erfuhr ich, dass das Gemälde nur einen Ausschnitt zeigte. »Die Flucht aus Ägypten« hatte der Künstler die Malerei genannt. Ja, Flucht. In Farbe.
Und so sah ich mich, wie ich dort am Feuer sinnierte. Ich sah, wie ich über Bildausschnitte nachdachte und über Fortgang und über schwarz-weiß. Das Feuer vor mir loderte. Es flüsterte. Keine Sprache, nur ein Flüstern. Und in Gedanken ließ ich alles Fesselnde los; Türen öffneten sich, Stahltore wurden aufgeschoben, Betondecken entfernt und Ketten zerschlagen. Die Wege, die ich dann beschritt, waren wie Nagelbretter. Ein jeder Nagel eine Begebenheit. Und ich ging durch alle schwarz-weiß- Gedanken mit bald blutenden Füßen hindurch, während das Feuer einen Kreis bildete und raunte. Ich mochte nicht mehr sein, wer ich bin, wollte nicht mehr dort sein, wo ich war. Und ging. Alles ließ ich los. Alles ließ mich los. Der wärmende Kreis schloss sich hinter mir.
Später kam die Nachhut, das Feuer hatte sich längst in die Erde verkrochen. Man sagte, dass es doch verwundernd sei, wie aus einem großen Bunten das schwarz-weiß der Asche wird. Ein Glöckchen läutete in der Ferne. Dann kam ein Sturm, er nahm und verteilte.

©Tom Walter 2021



Blitzlicht

Manchmal, in Momenten, die nur mir gehören; wenn die Welt außenvorbleibt, Geräusche nicht mehr wahrnehmbar sind und der Körper mitsamt seinen Organen bescheiden zuverlässig agiert, zupfe ich Erinnerungen aus meiner Zeit von einst. Es ist wie bei einem Stelldichein mit einer Pusteblume, die prall aufgeblüht in meiner Faust steckt und auf einen Sturm wartet, der ihre Kinder in den Weiten der Welt verteilt. Mit spitzen Fingern zupfe ich die winzigen Regenschirme aus der Gedankenblüte, lass mir von ihnen eine Geschichte erzählen, schnipse die kleinen Flieger anschließend ins Universum, wünsche ihnen eine gute Reise und eine schöne neue Heimat ebenfalls.

Die Fähigkeit sich zu erinnern, ist Fluch und ist auch Segen. Wir sind ja nicht nur agierende Menschen, deren Muskelkraft die Welt verändert. Wir sind auch denkende Wesen, sind Analytiker, Verdränger, Liebhaber. Letzteres in jeglicher Hinsicht. Zuzulassen, dass wir geflutet werden können von genau den Erinnerungen, die einem gerade in die Lebenssituation passen, ist auch eine Fähigkeit. Obwohl … Womöglich ist es ja auch das Geschick in uns allen, die nicht erinnerungswürdigen Momente des irdischen Daseins auszublenden? Beides führt zu demselben Ergebnis: Wir frischen unser Denken auf, mit irgendwas, mit Verdrängtem oder mit außerordentlich Erinnerungswürdigem. Und darum geht’s.

Wenn wir es nicht mehr hinkriegen, unseren Gedanken freien Lauf zu lassen; wenn wir unsere gelebte Zeit nicht mehr farbig gestalten können; wenn wir ihnen, den Gedanken, den Humor, die Trauer, die Verwunderung, die Neugierde nicht mehr entreißen und unserem Herzen zum Fühlen und Verarbeiten als Köstlichkeit überreichen können, dann haben wir das Auf-der-Welt-sein wohl nicht mehr verdient.

Doch es gibt Einschränkungen. Nicht alle Tage sind Gedankentage. Manche von denen sind wie Sauerkraut zum Frühstück. Erinnerungen speichert der Mensch offenbar besser, wenn die Begebenheit, die erlebte Lebenssituation ein paar Seitenfächer im Köpfchen oder Herzchen aufgemacht hat. Oder sogar Einfluss auf die Zukunft hatte. Oder von einer bis dato unerlebten Gefühlswelt handelte, die einiges im Inneren durcheinanderbrachte, womöglich sogar neu ordnete.

Oder?


Fließend

Zwischen Leben und Tod fließt ein Fluss. Er verbindet beides. Manchmal ist er reißend, manchmal sanft, manchmal überflutend und manchmal fast ausgetrocknet. Aber immer ist der da, immer ist er in Bewegung. Die Zeit ist seine Geliebte, Stillstand die große Unbekannte. Am Quell der Zeit entspringt er und am Ende der Zeit versiegt er still und stumm in der Ewigkeit; aus ihr quillt es erneut hervor, neue Flüsse mäandern durch Äon. Allem liegt die Vergänglichkeit zugrunde. Das zu erkennen, sollte Zeitvertreib beim Flößen sein.


Geräusche

Einmal sah ich mich selbst, aus der Ferne sah ich mich, wie sie mich aus dem Haus karrten, mit den Beinen zuerst. Ich schaukelte auf vier klapprigen Rädern (Bahre) hin zur schwarzen Luxuslimousine. Und die Sonne heizte ein, nebenan mähte einer Rasen, während der Mülltonnenentleerer um die Ecke bog und aus seinem LKW heraus fluchte, dass ihm die scheiß schwarze Nobelkarre den Weg versperrte. Irgendwo sang ein Kind, irgendwo anders übte einer Saxophon. Am Himmel stritten sich Hubschrauber und Flugzeuge, Bienen summten, das Gras vertrocknete knisternd auf den Wiesen. Und mich schoben die Schlipsheinis mit ihren schwarzen Anzügen und ihren weißen Hemden, mit der schwarzen Feder auf den Kragen, in die Karre. Die Türen schlossen sich leise. Und dann ging sie los. Letzte Fahrt.
Von all den Weltgeräuschen von einst war nichts mehr zu hören, der Benz fuhr stumm, nur die Reifen schabten auf dem Asphalt, Geräusche vom Unterwegssein. Die beiden Typen vorne redeten vom Wochenende und davon, dass Frauen neuerdings immer schwerer wären als Männer, so gewichtsmäßig und so weiter und so fort. Wir kamen an. Irgendwo. An einem Schornsteinhaus. Ich wurde aus dem Auto gezogen. Die Jungs hatten ihre Jackets ausgelassen, hier sah sie ja keiner, ich zählte nicht mehr. Automatiktüren. Dann ein Bändchen an den großen Zeh, ein Zettelchen und ab mit mir in die Kühlzelle, war ja Freitag schließlich. Mehrere Schlösser knarzten, draußen brummte ein Müllauto oder ähnliches vorbei, Türen schlugen zu, ich war allein; kurz noch einmal das Mercedesgeräusch, es entfernte sich, wurde leiser und leiser und leiser. Und dann war es ganz still und so ist es auch geblieben.

tom walter 2020